Wenn es um den Erhalt alter Bausubstanz geht, wird es manchmal emotional oder das Unverständnis in der Bevölkerung ist groß. Für die eine ist ein verfallendes Gebäude ein „Schandfleck“ und für den anderen ein Ort mit Erinnerungen oder zukünftigem Potenzial. Wenn es dann, wie jetzt in der ehemaligen Tankstelle in der Kaiserstraße in Oldenburg, zum Abriss und mehrgeschossigem Neubau kommt, treffen Emotionen auf Fakten und Entscheidungen – auch aus der Vergangenheit. Hier spielen dann Baurecht, Eigentumsverhältnisse, Bauordnung, Denkmalschutz, Statik, Logistik und anderes mehr eine Rolle. Ich bin dem in Bezug auf das Flugdach der Tankstelle nachgegangen.
Dies ist der nun der Versuch einer allgemeinen Einordnung der Thematik und zu diesem Zweck führe ich zwei Beispiele aus anderen Städten an, die vielleicht auch als Inspiration dienen können.
AVIA Tankstelle Kaiserstraße
Ich kenne die ehemalige AVIA Tankstelle in der Kaiserstraße in Oldenburg schon von Kindesbeinen an. Ich bin in Oldenburg geboren und aufgewachsen und spätestens seit dem Jugendalter, habe ich eine aktive Erinnerung an diesen Ort, der mit seiner Lage an der Straßenecke unmittelbar am Hafen das Stadtbild seit den 50er Jahren geprägt hat. Eine Tankstelle ist in erster Linie ein funktionaler Ort und erst im Laufe der Zeit, spricht man ihm durch die Lage und zum Beispiel die Gestaltung – in diesem Fall mit einem historischen prägnanten Flugdach – auch einen historischen Erinnerungswert zu. Für manch einen bleibt es aber auch einfach nur eine Tankstelle.
Nachdem die alte AVIA-Tankstelle verhältnismäßig spät ihren Betrieb im Jahre 2018 eingestellt hatte, wurde ich im Januar 2019 auf den Leerstand aufmerksam. Wir liefen an einem sonnigen Tag über den Vorplatz, als jemand aus der Gruppe darauf hinwies, dass die Liegenschaft zum Verkauf stünde. Gleich am nächsten Werktag versuchte ich herauszufinden, wie der Stand war und musste feststellen, dass sich bereits ein Käufer gefunden hatte. Das ist in dieser Geschichte ein entscheidender Punkt: die Tankstelle stand zu keinem Zeitpunkt unter Denkmalschutz. Sie wurde nicht als erhaltenswürdig angesehen. Mit dem Eigentumsübergang hatte der heutige Investor freie Hand darüber, was mit dem Areal passieren würde. Hätte zum Beispiel die Stadt das Grundstück erworben oder jemand wie ich, der Interesse am Erhalt der Tankstelle gehabt hätte, wäre auch etwas anderes damit passiert. Dafür habe ich zwei Beispiele mitgebracht. In beiden Fällen geht es dabei auch um ehemalige Tankstellen.

Bos Private Initiative
Hier kommt zunächst das Beispiel einer privaten Initiative, die auf dem Vorhandenen aufbaut und mit dem Erhalt der Gebäude einhergeht. Der Blick richtet sich nach Osnabrück, wo es tatsächlich, ebenfalls in unmittelbarer Nähe zum Bahnhof, eine vergleichbare Tankstelle wie die benannte in Oldenburg gibt. Die Gebäude mit dem Kassenhäuschen unter dem Vordach und die Waschhalle neben einer Werkstatt standen eine ganze Zeit lang leer. Bevor Philip Borgmann, „Bo“ darauf aufmerksam wurde und ein Café „Bos Tanke“ daraus machte. Seine Musikschule ist in die KfZ-Werkstatt eingezogen, in der ehemaligen Waschhalle finden Veranstaltungen statt. Außer dem Tankwarthäuschen mit dem Dach, ist nichts davon denkmalgeschützt. Bo wollte die Liegenschaft eigentlich kaufen, konnte sie aber nur pachten. So oder so, ist mitten in der Stadt ein vielfältig nutzbares Areal entstanden, bei dem auch der Außenbereich vielfältig genutzt wird. Ein Besuch lohnt sich.

Bild: Fredo Gerdes
Die Stadt als Akteur
Welche Rolle eine Stadt als aktiver Gestalter einnehmen kann, zeigt ein Blick ins niederländische Groningen. Dort gibt es am nordöstlichen Rand der Innenstadt an einem Kanal gelegen ein vergleichsweise großes Areal (6.000 Quadratmeter), das ebenfalls als Tankstellenanlage mit einem prägnanten historischen Gebäude genutzt wurde. Das Gebäude selbst stammt wie die Tanke in Oldenburg aus den 50er Jahren und steht unter Denkmalschutz. Die Stadt Groningen hat das Gelände übernommen, die Umgestaltung vorangetrieben und dann auch einen Betreiber für das kleine Gebäude gesucht. Auf der Webseite der Stadt (siehe unten) heißt es dazu: „Der ehemalige Tankstellenstandort am Turfsingel, nördlich des Diepenrings, wurde 2025 in einen attraktiven, grünen Ort zum Verweilen verwandelt: Dudok aan het Diep. Der Platz lädt zum Verweilen, Entspannen und Erholen am und auf dem Wasser ein. Entlang des Ufers wurde eine Holzterrasse angelegt, umgeben von Bäumen, Rasenflächen, Bepflanzung und Sitzgelegenheiten.“ Alles in allem, ist das Vorhaben also ein Projekt zur Stadtentwicklung in Regie der Kommune.
Infos und Bilder gibt es hier.

Eigentumsverhältnisse entscheidend
Was mit einem Gebäude oder Areal geschieht, hängt im Wesentlichen von den Eigentumsverhältnissen ab. Nicht immer und überall wird eine Stadt, bestehend aus Verwaltung und Politik eingreifen können oder nach politischer Meinungsbildung überhaupt wollen. Denn damit sind ja auch Kosten für den Kauf, Entwicklung, Verwaltung und späteren Betrieb verbunden. Der im Zweifel regelmäßig ausgeschrieben werden muss. Für einen privaten Betreiber oder Investor stellt sich die Frage nach der Wirtschaftlichkeit. An zentraler Stelle mehrgeschossig zu bauen ist unter Umständen sehr viel lukrativer als einen in die Jahre gekommenen Zweckbau umzunutzen. Die Stadtverwaltung wird in dem einem wie in dem anderen Fall durch Baurecht, -ordnung und zum Beispiel Bebauungspläne administrativ tätig und eben nicht zum selbstständigen Akteur. Zugegeben Denkmalschutz scheint auch in den beschriebenen Beispielen eine Rolle gespielt zu haben. Das heißt aber nicht, dass es nicht auch ohne unter Schutzstellung ginge.

Zwischennutzung und Pop-up Frankys
Ich selbst habe ab 2019 die Entwicklung des Areals an der Kaiserstraße beobachtet. Ich hatte eine Idee, die ich gerne in die Umsetzung bringen wollte und habe gesehen, wie zunächst eine temporäre „Tanzstelle“ eingerichtet wurde und später für ein paar Wochen ein Pop-up Restaurant. Beides hat mich inspiriert und ich habe mich mit dem Thema der Zwischennutzung beschäftigt. Und für mich einen Weg gefunden, meine Idee von einer Art Rad-Café zumindest zeitweise Realität werden zu lassen. Ohne die Tankstelle zu kaufen oder mich dafür selbstständig zu machen. Dabei habe ich wertvolle Erfahrungen gesammelt, die ich gerne teilen möchte. Ich verarbeite sie in einem Buch, das noch im Herbst erscheint.