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Tankstelle: Flugdach ist Geschichte

Entgegen aller vorherigen Zusagen und Planungen sind die Tage des historischen Flugdachs der Tankstelle in der Kaiserstraße augenscheinlich gezählt. Am Morgen rückten die Bagger an und während ich mich noch fragte, wie das Dach technisch abgebaut werden würde, war die Antwort schneller klar als gedacht: war es in die Planungen des Neubaus noch integriert ist die Beton- und Stahlkonstruktion jetzt Geschichte. Den ganzen Tag erreichen mich Bilder und Videos. Ich kann quasi live zuschauen, wie die Tankstelle und insbesondere das Dach, abgerissen wird.
Dazu stellen sich natürlich Fragen, die ich direkt an Beteiligten weiter geleitet habe. Meine Fragen findet ihr nachstehend und Auszüge aus den Antworten einen Absatz tiefer.

Letzte Aktualisierung 19.08.2026, 14:00 Uhr

Fragen zum Flugdach

Die nachstehenden Fragen habe ich an die Stadt und den Investor geschickt und um Antwort gebeten. Ich bin wirklich gespannt auf die Antworten.

  1. Das Dach der Tankstelle galt nach meinem Kenntnisstand als erhaltenswürdig und wurde aus diesem Grund in die Planungen integriert. Welche Faktoren führten dazu, dass dies nicht mehr passiert und wie fand die Abstimmung zwischen der Stadt Oldenburg und dem Bauherren statt?
  2. Aus der Presse ist zu entnehmen, dass das Dach einen Abbau, Transport und Lagerung mutmaßlich nicht überstanden hätte. Welche konkreten technischen Verfahren wurden diesbezüglich geprüft und woran scheiterte die Umsetzung dann konkret?
  3. Ebenfalls aus der Presse ist zu entnehmen, dass Schadstoffe am Dach gefunden wurden. Um welche Schadstoffe handelt es sich genau? 
  4. Es wird weiter ausgeführt, dass die gefundenen Stoffe nicht mit einem Einsatz des Daches im gastronomischen Umfeld in Einklang zu bringen sind. Wurden Verfahren geprüft, um die Schadstoffe zu entfernen und wenn ja welche?
  5. Darüber hinaus: wurde in Abwägung mit den technischen Herausforderungen (Abbau, Transport, Lagerung, Wiedereinbau) vor dem Hintergrund der Erhaltungswürdigkeit des Objekts eine alternative Verwendung (z.B. Aufbau an anderer Stelle, Übereignung z. B. an ein Museumsdorf o.ä.) geprüft und falls ja, mit welchem Ergebnis?
  6. Es ist von einem originalgetreuen Nachbau des Daches die Rede, der später in den Neubau integriert werden soll. Mit welchem technischen Verfahren wurden Maße und Gestalt des Daches erfasst und wie muss man sich den Nachbau vorstellen? Wird dies ebenfalls eine Stahlbetonkonstruktion sein, die in Art und Umfang exakt dem Original entspricht?

Antworten der Stadt und des Investors

Der Oberbürgermeister der Stadt Oldenburg Jürgen Krogmann hat geantwortet und nimmt, Zitat: „… im Rahmen der Zuständigkeit der Unteren Denkmalschutzbehörde Stellung.“ Und zwar wie folgt: „Die ehemalige AVIA-Tankstelle an der Bleicherstraße/Ecke Kaiserstraße mag in der individuellen Betrachtung durchaus als erhaltenswert angesehen werden; es handelt sich allerdings nicht um ein Baudenkmal im Sinne des § 3 des Niedersächsischen Denkmalschutzgesetzes. Das hat eine Anfrage bei dem für Denkmalausweisungen zuständigen Landesamt für Denkmalpflege (NLD) im Jahre 2019 ergeben. Ein gesetzlich durchsetzbarer Schutz der Tankstelle ist damit nicht gegeben. Vor diesem Hintergrund war es der Stadt Oldenburg rechtlich nicht möglich, den Erhalt der Tankstelle gegenüber dem Eigentümer verbindlich einzufordern. Die Entscheidung, wie mit der Immobilie weiter verfahren wird, obliegt somit ausschließlich dem Eigentümer.“
Weiter führt Krogman aus, dass die Untere Denkmalschutzbehörde nichts unversucht gelassen habe, das Relikt aus den 1950er Jahren für die Sehgewohnheiten der Öffentlichkeit zu bewahren und es habe auch konstruktive Gespräche mit dem Eigentümer gegeben, dem demnach grundsätzlich an dem Erhalt des Reliktes gelegen sei.
„Nach der anfänglichen Idee, die Tankstelle dem Museumsdorf Cloppenburg zu überlassen, sah die Planung des Projektentwicklers vor, die charakteristische Überdachung des Tankplatzes in den Baukörper des Neubaus zu integrieren. Dieser kreative Umgang mit dem Zeitzeugnis wurde von Seiten der Unteren Denkmalschutzbehörde ausdrücklich begrüßt.“

Seitens des Investors Capital Real, antwortet der Geschäftsführende Gesellschafter Dennis Poelmeyer. Aus seiner Sicht seien mit der Nachricht Krogmanns bereits alle Fragen beantwortet, so dass man sich im Wesentlichen nur anschließen könne. Nach dem Kauf der Liegenschaft habe man verschiedene Alternativen gesucht – das Museumsdorf Cloppenburg habe sich indes für eine andere Tankstelle entschieden. Poelmeyer : „In den dazwischenliegenden Jahren haben wir wirklich viele Möglichkeiten geprüft, durchgespielt und geplant, um das Originaldach unterzubringen. Aus den bereits genannten Gründen – Form, Gewicht, Zustand und Altlasten – mussten wir uns nun jedoch für eine Nachbildung entscheiden. Wir haben mit zahlreichen Fachfirmen gesprochen, sei es zu Transport, Lagerung, Aufarbeitung oder Ähnlichem. Dabei gab es letztlich immer ein Hindernis, das gegen einen Einbau des Daches im Originalzustand sprach. Die Größe und das Gewicht des Daches sowie der Wiedereinbau werden häufig unterschätzt. Es wird zunächst ein Keller ausgehoben, der entsprechend hergestellt werden muss. Anschließend müsste das Dach eingebracht und die Konstruktion statisch nachgewiesen werden. Selbst ein zwischenzeitliches Aufhängen des Daches haben wir in Erwägung gezogen.“

Verschiedene Fragen zum Beispiel auch wie die Aufnahme der Daten für die Nachbildung geschah, bleiben damit zunächst offen. Ich bin wirklich gespannt, wie das später realisiert wird und aussieht. Deutlich wird auch, dass die Umsetzung der Pläne so oder so im Ermessensspielraum des Eigentümers liegen und zu jeder Zeit gelegen haben.

Orte die Identität stiften

Katharina Semling, die mit ihrem Engagement zum Erhalt der ehemaligen Tankstelle beigetragen hatte, äußert sich im Gespräch: „Oberbürgermeister Krogmann hat mir einmal in Bezug auf die Tankstelle in die Hand versprochen ´Ich lasse mir mein schönes Oldenburg nicht wegreißen.´ Da habe ich mich drauf verlassen. Und er war auch wirklich bemüht, was den Erhalt anging. Jetzt ist es anders gekommen. Es geht aus meiner Sicht auch darum die Wurzeln einer Stadt zu erhalten, die Dinge zu bewahren die eine Seele haben und eine Verortung. Das sind ja Geschichten und Erinnerungen, die die Bürgerinnen und Bürger haben und die Identität geben. Und wenn man immer alles wegreißt, geht das insgesamt verloren. Und im Ergebnis bleibt eine gesichts- und geschichtenlose Stadt.“

Zum Feierabend sieht die Baustelle so aus.

In der örtlichen Berichterstattung heißt es dazu: „Das markante Dach aus dem Jahr 1963 ist zu marode und schadstoffbelastet für einen Transport. Ein Neubau mit 19 Wohnungen und Gastronomie soll entstehen – das Dach wird dabei originalgetreu nachgebaut.“ (gesamter Beitrag leider hinter der Paywall)

Früher gab es hier Benzin

Wie aus dem Nicht-Ort „Tankstelle“ zeitweise ein Möglichkeitsraum wurde, hat Stephan Lantow in seiner Arbeit zum Pop-up Frankys untersucht. Gemeinsam arbeiten wir an einem Buchprojekt, das Buch soll noch dieses Jahr erscheinen. Ein Interview zu seiner Untersuchung findet ihr hier.

Hintergründe zur ehemaligen Tankstelle in der Kaiserstraße in Oldenburg gibt es auf den Seiten des Stadtmuseums (SMO).