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Rad-Café: Unternehmen auf Zeit

Das Pop-Up-Rad-Café in Varel war ein Unternehmen auf Zeit. Und nachdem der Aktionszeitraum in den Monaten Februar bis Anfang April rum ist, heißt es auswerten und sortieren. Ich habe einmal die acht wichtigsten Learnings – meine zentralen Lehren – aus dieser Zeit zusammen getragen. Denn auch jenseits von Zahlen, Daten und Fakten, gibt es viel zu lernen und zu bewerten. Es gab Tage im Rad-Café an denen nicht nur geredet, sondern auch viel gelacht und dann sogar geweint wurde. Nach den ersten Tagen, hat mich selbst eine positiver Gefühls-Tsunamie überrollt. Und dann fühlte ich mich auch immer wieder alleine. Ich habe Menschen wieder getroffen, die ich über rund 30 Jahre nahezu vollständig aus dem Blick verloren hatte und oft winkten völlig Unbekannte freundlich durch die Scheiben oder äußerten offen ihre Freude darüber, dass es das Rad-Café gibt. Das Sortieren der unterschiedlichen Eindrücke, ist gar nicht so leicht. Ich fange einmal damit an.

1. Ich bin kein Gastronom

Ich habe nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass ich persönlich meinen Kaffee schwarz trinke und keine Ahnung von Kaffeespezialitäten sowie kaum gastronomische Erfahrungen habe. Mit dem Einzug der Profi-Espresso-Maschine, änderte sich der gesamte Charakter des Rad-Cafés und ich wollte und musste lernen, wie man die Maschine bedient und damit umgeht. Das Angebot einen guten Kaffee zu trinken, gehört für mich immanent zur Rad-Café-Idee. Es ist der „gesellschaftliche Anlass“ zu dem man an diesem Ort zusammen kommt. So wie man zu einem Grillend einlädt. Und so ein Grill-Event ist ein schönes Beispiel: ich will ja, wenn ich so ein Treffen anbiete, später auch nicht unbedingt Imbiss-Betreiber werden. Und dass das nicht mein Ziel und Wohlfühlbereich ist, wurde mir spätestens an einem Sonntagnachmittag bewusst, als die Bestellungen nicht enden wollten und ich hinter dem Tresen festgedübelt wurde. Nennt mich naiv, aber so hatte ich mir das nicht vorgestellt. Und das wird auch nicht meins werden. Klar, Kaffee und Getränke muss es in einem Rad-Café geben. Aber ich muss dafür nicht zum Barrista und Gastronom werden. Bei einer Fortführung gilt es, diese Erfahrung zu berücksichtigen.

Bis vor wenigen Wochen wusste ich nicht, wie man Espresso zubereitet oder gar Milch mit einer Profimaschine aufschäumt. Ich lerne gerne und das hat mir auch Spaß gemacht. Mein Wohlfühlbereich wird die Gastronomie dadurch aber nicht. Bild: Carola Bührmann

2. Zeit und Zeiten berücksichtigen

Viele haben sich gewundert, dass das Rad-Café in den Wintermonaten stattfand. Dabei ist das genau die richtige Zeit für Veranstaltungen, gemütliche Abende mit Lesungen, Reiseberichten, Musik und Filmen. Wenn erst der Frühling beginnt, lockt man niemand „hinter dem Ofen vor“, weil alle in Bewegung kommen und die länger werdenden Tage draußen nutzen. Ganz praktisch konnte man den Vorteil der kurzen Tage daran merken, dass ein ausgefallener Filmabend nach der Zeitumstellung kaum mehr nachholbar war: es ist einfach zu lange hell. Und kommt dann erst die Osterzeit, sind die Aktiven – die die selbst etwas anbieten können – im Urlaub oder beschäftigt. Im Mai mit vielen Feiertagen und noch besserem Wetter, wird das wohl nicht besser.
So liefen die Veranstaltungen gut und wurden auch gut angenommen. Obwohl der Zeitraum für die Vorbereitung insgesamt und durch die Fülle auch im Besonderen, oft zu kurz war. Dass das in den rund zwei Monaten jetzt so gut geklappt hat, hat sicher auch mit meinem persönlichen Netzwerk zu tun. Ansonsten sind zwei bis drei Monate Vorbereitungszeit (mehr hatte ich nicht) schlicht zu kurz. Die Altenernative zu Pop-Up bedeutet, länger und stabil an einem Ort zu sein, ein dauerhaftes (gastronomisches?) Angebot zu machen und mehr Zeit zwischen den einzelnen Veranstaltungen zu haben.

Die Bandbreite und Fülle der Veranstaltungen war groß, die Beteiligung stark. Sowohl, was die Aktiven anging, als auch das Interesse der Gäste. Vielleicht war es manchmal zu viel, zu dicht oder der Antritt mit dem Pop-Up-Rad-Café insgesamt zu ungewöhnlich,

3. Veranstaltungen kommen gut an

Das Programm im Aktionszeitraum kam sehr gut an. Die Zahlen sprechen für sich: gut 30 Veranstaltungen und mehr als 1.000 Besuchende. Neben vielen vorgeplanten Aktionen, sprangen auch die Menschen vor Ort an, boten spontan plattdeutsche Nachmittage, Live-Musik, Figurentheater und vieles mehr. Und auch Menschen von außen regierten schnell, so dass oft von Donnerstag bis Sonntag etwas im Rad-Café passierte. Auf diese Art und Weise, machten die Akteure und Akteurinnen das Rad-Café zu „ihrer Sache“ und der Ort und das Programm, fanden in der Kleinstadt ihr Publikum. Mehr als einmal war zu hören, dass man so etwas ja sonst nur aus der Großstadt kenne. Ein abwechslungsreiches Programm, ein Rad-Café in der Kleinstadt und viele Aktive passen gut zusammen. Inwiefern das Rad-Café in der touristischen Saison und für auswärtige Besucher:innen funktioniert (dann wahrscheinlich eher als regelrechtes Café und Ausflugsziel), konnte ich in diesem Zeitraum nicht ausprobieren oder nachweisen. Und wahrscheinlich beißt sich das auch mit meinen mangelnden gastronomischen Ambitionen.

4. Kommunikation ist schwierig

„Was ist denn das, ein Rad-Café?“ Die Idee hinter der Initiative, scheint oft erklärungsbedürftig. Obgleich die Worte „Rad“ und „Café“ schon Erklärung genug sein sollten, reagieren manche Menschen verständnislos oder offen ungeduldig. Zumindest, wenn ihre Erwartung – und sei es nur, dass Räder repariert werden sollen oder es ein Stück Kuchen zum Kaffee gibt – nicht zu einhundert Prozent erfüllt wird. Ein Pamphlet an der Eingangstür hat da geholfen. Und irgendwann war auch das nicht mehr erforderlich. Die Menschen und teils auch die Presse, mussten sich erst an die Fülle von unterschiedlichen Terminen gewöhnen. Und mancher reibt sich vielleicht verwundert die Augen, dass jetzt schon wieder alles vorbei ist.  Vielleicht war es zu viel, zu kurzfristig und zu ungewöhnlich. Und dennoch, hat es sowohl mit der Kommunikation als auch mit den Veranstaltungen, Öffnungszeiten und sogar kurzfristigen Veränderungen, verhältnismäßig gut geklappt.

Platz ist in der kleinsten Hütte, heißt es oft. Das Rad-Café wurde dann auch an seine Kapazitätsgrenzen geführt. Warum welche Veranstaltung wie besucht war, wird wohl ein Geheimnis bleiben. Regelmäßigkeiten ließen sich zumindest kaum erkennen.

5. Rad-Café als Gefühlsachterbahn

Das war schon alles insgesamt sehr aufredend für mich. Dem anfänglich positiven Tsunamie, folgte ein Tal, mit teils unangenehmen und fordernden Begegnungen vor Ort. Das Rad-Café ist nicht nur ein lang gehegter Traum: der Raum zog mich auch tatsächlich sehr stark an. Ich war und bin gerne dort, auch wenn es mir manchmal zu viel wurde oder auch an mäßig besuchten Tagen etwas langweilig. Ich war mit Vielem alleine und das fühlte sich nicht immer gut an. Und doch habe ich viel Zuspruch erfahren, neue Menschen kennen gelernt und sehr viel Positives erfahren dürfen. Kurz: es gab sehr sehr viel mehr Sonne als Regen. Und eben auch Anstrengung und Herausforderungen. Das Rad-Café wurde bald zu einer Art zweiten zu Hause, der Raum zu einer Art Wohnzimmer. Den großen Wellenbewegungen folgten kleinere Auf und Abs. Ganz so wie im echten Leben. Als besonders intim und wertvoll empfand ich den Moment zu Feierabend. Als ich – meist am Abend – als letzter alles ausmachte und die Tür hinter mir abschloss.

6. Ideen brauchen Raum

Wenn man Menschen und Ideen Raum bieten will, spielt der physische Raum eine entscheidende Rolle. Im Vareler Rad-Café sind es die große Fensterfronten und die der Sonne zugewandte Ausrichtung, die Erfolgsfaktoren darstellen. Neben der Tatsache, dass die Lage im unmittelbaren Zentrum der Stadt Aufmerksamkeit und Austausch befördert. Der eigentliche Zuschnitt des Ladengeschäfts, ist dabei nicht ideal. Die Innenwand bildet eine Engstelle, die zwar einerseits den Raum gliedert und schnell eine angenehme „Fülle“ schafft – und dann tatsächlich Enge bedeutet, wenn man Platz für Bestuhlung und zum Beispiel freie Sicht auf eine Leinwand oder für Ausstellungen benötigt. Mitten in der Stadt zu sein, ist vorteilhaft für die Wahrnehmung und Vernetzung, aber ebenso wie die großen offenen Fronten nicht dauerhaft erforderlich oder sinnvoll. Weil für mich die Suche nach einem geeigneten Ort jetzt wieder von vorne beginnt, sind das wichtige Erkenntnisse bei der Auswahl und kommenden Gestaltungsideen.

Ich war alles auf einmal: Barista(-lehrling), Wirt, Umzugsunternehmer, Inneneinrichter, Beleuchter. Filmvorführer, Co-Workingbetreiber, Mechaniker, Workshopleiter, Reinigungskraft, Pressestelle, Unternehmer (auf Zeit), Gründer, Mediengestalter

7. Eine Art Kleingewerbe

Ich hatte wohl schon einmal angedeutet, dass ich etwas romantisch und sogar blauäugig an die ganze Sache herangegangen bin. Nicht nur, weil es am Ende wirklich viele Veranstaltungen waren, sondern auch, weil ich den Aufwand massiv unterschätzt habe, kam ich schnell in die Situation, dass ich eine Art Kleingewerbe betrieben habe. Es gab immer etwas zu tun. Entweder am oder im Laden (Vor- und Nachbereiten von Veranstaltungen, Stühle rücken, aufräumen, umräumen, sauber machen, Altpapier und Müll entsorgen), oder in der Kommunikation und Administration. Themen wie Versicherungen, Genehmigungen, Infrastruktur, Internet und vieles mehr hielten mich auf Trapp. Und so wurde ich wohl tatsächlich eine Art Unternehmer auf Zeit. Ohne eigenen Transporter – das wurde mir irgendwann bewusst – wäre es zudem gar nicht gegangen.

8. Beteiligung ist, wenn Leute mitmachen

In einem anderen Blogbeitrag, habe ich bereits die aus meiner Sicht wesentlichen Zusammenhänge in Sachen Beteiligung beschrieben. Und doch erscheint es mir im Zuge dieser Learnings wichtig und gehört zu einem vollständigen Bild an dieser Stelle hinzu: ein Ort der Begegnung braucht aktive Menschen die sich einbringen, teilnehmen, co-worken, sich begeistern und die Idee mit Leben füllen. Das hat meines Erachtens, auf erstaunliche Art und Weise in den vergangenen Wochen funktioniert. Vielleicht sogar besser, als ich es erwartet hätte. Auf dieser Erfahrung möchte ich gerne aufbauen. Denn ebenso wie ich weiß, dass ich kein Gastronom bin oder werde, merke ich ich dass in den Themen Beteiligung und Veranstaltungen mein Interesse liegt.