20.150 Kilometer mit dem Rad, von Freiburg bis nach Kapstadt: Wiebke Lühmann ist vierzehn Monate durch Europa und Afrika geradelt. Im Oktober 2023 ist sie aufgebrochen und hat eine eindrucksvolle Reise unternommen. „Ich bin es selbst, die sich entfernt. Ich entscheide, wohin die Reise geht und wie weit.“ reflektiert sie am Morgen ihrer Abfahrt über Selbstbestimmung und Selbstwirksamkeit, erfährt man im Buch. Sie hat schon einige Reisen per Rad unternommen – durch Südamerika und bis zum Nordkap. Mit 22 hatte sie ihre Leidenschaft fürs Fahrrad entdeckt und zwei Jahre später, 2019, die Solo-Tour nach Südamerika ins Visier genommen. Menschlich nahbar, ehrlich, unnachahmlich offen und reflektiert, berichtet sie im Netz über ihre Erfahrungen. Jetzt ein gebundenes Buch in der Hand zu halten und die gesamte Geschichte der Langdistanz-Fahrt mit vielen Hintergründen zu lesen, ist ein besonderes Vergnügen. Auch ein Film ist in Vorbereitung, aber eins nach dem anderen.
In fünf Teilen und 22 Kapiteln, erzählt Wiebke Lühmann auf rund 220 Seiten, die Geschichte der ungewöhnlichen Reise mit dem Rad. Von den Vorbereitungen und persönlichen Herausforderungen zum Start, über ihre ganz eigene Motivation Rad zu fahren, gibt sie spannende Einblicke in das Wie und das Warum einer solchen Reise. Die Art und Weise, wie Wiebke berichtet und dabei unmittelbare Eindrücke in ihr persönliches Leben vermittelt, kennen Follower ihrer Socialmedia-Aktivitäten gut. Vor allen Dingen auf Instagram ist sie sehr nahbar und oft auch für direkte Fragen und einen Austausch erreichbar. Dass es ihr gelingt, diese persönliche Art auch in das Medium Buch zu übertragen, ist eine Auszeichnung. Es wird dadurch besonders authentisch, lebensnah, ehrlich und lesenswert.
„Ich bin es selbst, die sich entfernt. Ich entscheide, wohin die Reise geht und wie weit.“
Die ersten 3.000 Kilometer legt Wiebke mit ihrer Freundin Hannah gemeinsam in zwei Monaten zurück. Von Freiburg ausgehend, geht es über Frankreich und Spanien bis nach Portugal. In den ersten Kapiteln, lernen wir Familie, Freunde und Lebensumstände von Wiebke kennen, während die beiden Frauen Kilometer um Kilometer zurücklegen, vor verschlossenen Campingplätzen stehen, wild campen oder spontan Menschen ansprechen und in Vorgärten übernachten dürfen. „Ich selbst hatte mein Geschlecht oder meine Freiheit, auf Reisen zu gehen, nie in Frage gestellt.“ ordnet Wiebke die wiederkehrenden Fragen und die Diskussion, wie es „als Frau“ auf Radreisen sei, ein. Und berichtet von viel Unterstützung und Zuspruch und auch Herausforderungen auf der Reise.
Hannah reist zurück nach Deutschland und schon auf der Fähre nach Marokko, lernt Wiebke weitere Radfahrende kennen und legt dann im Weiteren immer wieder Streckenabschnitte mit verschiedenen Menschen zurück. Natürlich läuft nicht immer alles rund. Die Sahara-Querung, stellt Wiebke vor eine besondere Herausforderung, weiter südlich Temperaturen von bis zu 45 Grad. Über weite Strecken fährt Wiebke durch Afrika mit Julien, den die Leserinnen und Leser trotz seiner Verschlossenheit immer besser kennen lernen. Wiebke beschreibt den Franzosen als ruhig und gelassen, obgleich er tatsächlich nicht immer in allen Situationen entsprechend reagiert und sich auch oft zurückzieht. Zusammen radeln sie auch durch Liberia, wo der andauernde Regen „die ocker-rote Erde in eine schmierige Masse verwandelt“ und jeder Meter doppelt zählt. Eine endlose Aneinanderreihung von Kratern, beschreibt Wiebke die Straße, die diesen Namen nicht verdient. Irgendwo hier „feiert“ sie im Mai 2024 ihren 30. Geburtstag. Nicht einmal die Hälfte der Strecke bis nach Kapstadt liegt hinter ihr.
„Für uns Tourist:innen erscheinen die Unterschiede manchmal gering. Menschen, Klima, Vegetation – alles scheint sich zu ähneln. Aber Vielfalt liegt nicht nur im Oberflächlichen, sondern in der Stimmung, den Sprachen, der Musik, dem Takt des Alltags. Westafrika ist diverser, größer und spannender, als ich dachte.“
Wiebke erzählt die Geschichte einer Reise voller Herausforderungen. Unaufgeregt in Form eines Reisetagebuches. Ab und an, gibt es tatsächlich kurze Zitate aus ihren Aufzeichnungen. Das verstärkt den Grad der Nähe und Authentizität. Auch Krankheit, Heimweh, Ungeziefer, Angst, Zweifel und persönliche Gedanken zu Flucht, Migration, Krieg und Not, spart sie nicht aus. Einmal kommt sie gemeinsam mit ihrer Freundin Fabienne, mit der sie auch am Film arbeitet, in einer Notunterkunft unter. Die errichtet wurde, weil das Dorf und unter anderem auch das Hotel, das die beiden beziehen wollten, von einem Erdbeben zerstört wurden. Hier und an vielen anderen Orten, erfährt Wiebke Offenheit und Gastfreundschaft. Verbundenheit und Sicherheit – vor allen Dingen auch mit anderen, bis dahin fremden, Frauen. Mehr als einmal muss ich schlucken, weil es wirklich bewegend ist.
Wiebke erreicht Nigeria – aufgrund von Konflikten mit zahlreichen Toten und Flüchtlingen, schreibt sie, sei das Land in der Regel kein Reiseziel für Tourist:innen. Die Art, wie sie ihren Umgang mit der Lage vor Ort beschreibt, ist eindrücklich. Um den Überblick mit Zeiten und Visa zu behalten, notiert Wiebke in ihrem Tagebuch: „30 Tage Nigeria, 30 Tage Kamerun und 30 Tage Kongo mit insgesamt 4.000 Kilometer.“ Trotz allem wird ein ums andere Mal die Zeit knapp. Im Kongo überquert Wiebke den Äquator und beschreibt einen krassen Cut. Leserinnen und Leser erfahren, wie es ist, wenn man die Strecke von zu Hause in Europa mit dem Rad zurücklegt und andere (Lebens-)Realitäten kennenlernt und in sich aufnimmt. Der Kongo ist gleichzeitig das letzte Land, für das sie in Visum braucht. Auch damit verändert sich Vieles, der Druck fällt ab, ein Markstein. Im Süden Afrikas – 17.500 Kilometer von Freiburg, begegnet Wiebke in Namibia zum ersten Mal Giraffen, Elefanten und Kudus. Und auch Spuren und Nachwirkungen der Kolonialzeit und des Völkermords. Es ist dies Spannungsfeld der Erfahrungen, die das Buch spannend macht, wie einen Krimi.
„Eine Grenze zu überqueren, ist immer was Besonderes und gleichzeitig kommt mir oft der Gedanke, wie random manche Grenzen sind, denn das Leben auf beiden Seiten ähnelt sich. Wie viel stärker die Gemeinsamkeiten sind, lässt man dabei oft aus. Grenzen trennen Länder. Aber sie verbinden sie auch.“
Wiebke Lühmann ist nicht nur eine bemerkenswerte Radlerin, sondern auch eine hervorragende Erzählerin. Es macht Spaß ihrer Reise ebenso zu folgen, wie ihren Gedanken. Sie kommt dabei buchstäblich an persönliche, wie auch an physische Grenzen, hadert und entscheidet sich doch immer wieder weiter zu fahren. Dass sie nie auch nur den Eindruck erweckt, wie von einer unsichtbaren Kraft an ein Ziel gezogen zu werden, sondern immer wieder auch Pausen einlegt, regeneriert und das nicht als Schwäche oder Aufgeben interpretiert, zeugt von innerer Klarheit und mentaler Stärke. Dies ist keine Geschichte von hoch gesteckten Zielen und alleine sportlich ambitionierter oder motivierter Leistung. Es ist vielmehr ein Buch über eine Reise mit sich selbst, voller tiefer, persönlicher Einblicke, Selbstwirksamkeit und Selbstermächtigung. Das Buch lohnt sich besonders, weil es wirklich Spaß macht es zu lesen. Und weil es Wiebke, wie gesagt gelingt, ihre Offenheit und ehrliche Einblicke auch in dieses Medium einzubringen.
Nach vierzehn Monaten und drei Tage erreicht Wiebke das Kap der guten Hoffnung. Wie das ist und was sie dabei fühlt, lest ihr am besten selbst. Das ist ein tolles Buch, das sich zu lesen lohnt. Man merkt, glaube ich, dass ich ein absoluter Fan bin. Und ich freue mich schon auf den Film zur Reise, der bereits ab März in ausgewählten Kinos zu sehen sein wird. Infos und Termine gibt es hier.
