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Radreisen

Radreise: Baltikum per Rad III

Eine Radreise durch das Baltikum, durch Lettland, Litauen und bis in den Norden Polens. Ich habe einen Reisebericht wieder aufgelegt, von einer Reise per Rad entlang der Ostseeküste (Teil 1 findet ihr hier und Teil zwei hier). Im dritten Teil geht es abenteuerlich über das Kurische Haff ins Memeldelta und entlang der Grenze zur russischen Exklave Kaliningrad.
Das Memeldelta, die Mündung des heutigen Nemunas, verlangt seinen Einwohnern einiges ab. Hier hat sich in den vergangenen Jahrzehnten wenig verändert. Der Fluss tritt im Winter regelmäßig über die Ufer und überflutet die Erdgeschosse der einfachen Holzhäuser bis zu einem Meter. Schwarze Einfärbungen an der Außenseite zeugen davon. Hochwasser hatten wir auf unserer Reise nicht, aber dafür genug Wasser von oben. Das Gebiet das wir bei heftigem Regen durchqueren stand zeitweise unter der Aufsicht des Völkerbundes, wurde aber schon bald nach dem ersten Weltkrieg von Litauen für sich in Anspruch genommen. Damals war es die Grenze zu Ostpreußen – heute verläuft der Nemunas im Grenzgebiet zur Russland. Ein Spannungsfeld, das uns auch auf dem weiteren Weg auf unserer Tour in Richtung Polen begleitet. Einige Kilometer entlang der Grenze legen wir indes mit dem Standardfernreisemittel in Litauen zurück: Mit dem Überlandbus.

Eine Anmerkung habe ich noch: bei den Überschriften, hat man sich früher für den Printbereich richtig Mühe gegeben. In diesem Fall trugen alle Zwischenabschnitte Filmtitel. Heute optimiert man Seiten auf Suchmaschinen (SEO) und die finden es toll, wenn sich Begriffe aus der Überschrift auch in den Unterüberschriften wieder finden. Begriffe in Anführungszeichen erkennt die Suchmaschine nicht und so muss ich Euch die alten Filmtitel nicht vorenthalten..

Baltikum per Rad „Pulp Fiction“

Der Regen ist heftig und wird von Sturmböen über das Haff und den Hafen von Nida getrieben. Eine regelmäßige Fährverbindung zum östlich gelegenen Festland besteht nicht. Wir haben aber erfahren, dass man mit den Bootsführern einen Charter aushandeln kann. Nur: aufgrund des Wetters ist keiner da. Genauso wenig wie der Fahrradverleiher, der mir eine Ersatzkette besorgen wollte. Der Hafen ist verwaist, bis auf das Restaurant. Pünktlich mit dem Omelette aber, trifft ein einziger Skipper ein und macht sich an seinem Boot zu schaffen. Auch weil nicht mit anderen Passagieren für seinen eigentlichen Turn nach Klaipeda zu rechnen ist, verlaufen die Verhandlungen reibungslos. Zwei weitere Radler tauchen auf und wir laden unsere vier Räder auf das kleine Schiff und machen uns gegen den Wind auf den Weg über die Nehrung. Heftige Wellen schütteln das Boot durch, als bereits nach wenigen hundert Metern der Scheibenwischer auf der Fahrerseite ausfällt. Der Bootsführer nimmt es mit Humor und schaut durch den offenen Reisverschluss des Daches übers Wasser. Wir sind uns einig: Mit seinem verschmitzten Grinsen, nassen Haaren und Gesicht und Krokoleder-Schuhen, könnte er ohne weiteres im neuen Tarantino mitspielen…   

Bei strömendem Regen chartern wir mit vier Radlern ein Boot und setzen von der Nehrung zum Festland über.

Radreise mit „Crocodile Dundee“

Das Boot bringt uns weit in das Mündungsgebiet des Flusses Nemunas. Es regnet ununterbrochen und in Minja, wo wir anlegen, führt kein Steg ins Wasser. Über eine Planke kommen wir auf eine Wiese hinter einer kleinen Gaststätte – im Nirgendwo. Innerhalb weniger Minuten sind wir triefnass. Die Orientierung fällt uns etwas schwer. Trotz GPS-Unterstützung können wir nicht so recht entscheiden, ob wir auf der Schotterpiste vor dem Haus nach rechts oder nach links abbiegen sollen. Erschwerend kommt hinzu, dass wir uns auf einer Halbinsel im Mündungsgebiet befinden. Und von dem Busfahrer, der auf der Straße auf Fahrgäste wartet (?) ist ohne litauische Sprachkenntnisse auch nichts zu erfahren. 

2007 fast Hightech: ein GPS Empfänger weist uns den Weg. Fotos macht man zu dieser Zeit mit einer Digitalkamera – nicht mit dem Handy

Zum Glück erweist sich unsere Richtungsentscheidung letztlich als richtig. Was vor uns liegt sind aber mit Sicherheit die härtesten Kilometer der Tour: Der Regen nimmt und nimmt nicht ab, die Schotterstraße ist dadurch eine Schlammpiste und der Wind weht kräftig von vorne. So „kriechen“ wir die Kilometer nach Siluté, dem nächst größeren Ort. Auf den ersten Kilometer ohne Orientierung durch die flache, offene Landschaft. Zu allem Überfluss kann ich nur noch einen Gang benutzen, weil das Ritzel und die Kette ansonsten partout nicht mehr harmonieren wollen.
Nach einer Weggabelung wissen wir zumindest, dass wir noch ca. 10 Kilometer bis Siluté vor uns haben. Der Baumbestand am Wegesrand wird dichter, die Gräben entlang unseres Trails stehen randvoll mit Wasser. Lars bringt es auf den Punkt: „Man könnte meinen, dass jeden Moment ein Krokodil aus dem Graben auftaucht!“

Was für eine Schlammschlacht: Regen und Schlamm im Memeldelta

„Gesprengte Ketten“ am Rad

Wir nehmen es mit Humor, viel Lust rechts und links zu schauen verspüren wir aber nicht. Nur die gelegentlich abgestellten Kleinbusse am Straßenrand machen uns stutzig und als wir an einem langen Graben entlang blinzeln (weil Regen uns in die Augen läuft) erkennen wir große braune Erdhügel. Wir tippen auf Torfabbau – das kennen wir aus der Historie von zu Hause, schließlich sind wir Nachbarn in der Straße am „Torfbogen“ – und liegen damit genau richtig. Das Gebiet, durch das wir fahren, bildet noch eines der größten zusammenhängenden Hochmoorgebiete Europas. Torf war bis zur Wende eine der wichtigsten Energiequellen des Baltikums. Heute wird er in großen Mengen für die Nutzung im Gartenbau abgebaut. Hier im Hochmoorgebiet Augustomal hat sich ein deutsches Unternehmen die Abbaurechte gesichert. Nicht ohne kritische Betrachtung von Naturschützern. Von all dem wissen wir zu diesem Zeitpunkt natürlich nichts, sondern wischen uns vielmehr den Regen aus dem Gesicht und eiern weiter.  Die Kilometer ziehen sich endlos bis wir die ersten Gebäude der Stadt Siluté sehen – und endlich haben wir auch wieder feste Straße unter den Rädern.
Wir haben uns entschieden von hier aus mit dem Bus weiter zu fahren. Auf dem Weg durch die Stadt ein Zweiradladen! Es braucht mehrere Versuche um die Antriebstechnik meines Rades wieder in Stand zu setzen. Letztlich tausche ich unter den erstaunten Blicken des jungen Mitarbeiters mit geübten Griffen Kette, Ritzel und Kurbelgarnitur aus. Er zeigt sich etwas verwundert, dass wir mit dem Rad unterwegs sind. Vor Ort kommt nach seiner Einschätzung kaum jemand auf die Idee das Fahrrad zu nutzen. Schon gar nicht um damit in Urlaub zu fahren. Vor diesem Hintergrund scheint der Umstand, dass der Laden neben motorisierten Zweirädern auch Fahrräder, sowie verschiedene Ersatzteile zu überschaubaren Preisen führt, wie ein unwahrscheinlicher Glücksfall.              

Nahversorgung: wie auch in Polen, gibt es im Baltikum eine Vielzahl kleiner Läden.

„Speed“ im Baltikum

Irgendwie hatte ich bei der Reparaturorgie das Gefühl ich müsste mich beeilen. Alles in allem haben wir wohl ca. eine gute halbe Stunde an diesem Nachmittag am Laden verbracht, bevor wir uns auf den Weg durch die Stadt zum Busbahnhof machen. Und als wir uns dort orientieren, wo wir wann wohin fahren können, realisieren wir schnell, dass wir keinen Moment zu früh gekommen sind. Nach kurzer Verständigung am Schalter, schiebt uns die freundliche Dame gestikulierend und schnellen Schrittes aus der Tür. Der einzig mögliche Bus, der an diesem Tag in die gewünschte Richtung fährt, ist gerade angekommen und steht abfahrtbereit vor der Tür. Ein freundlicher Busfahrer hilft uns schmunzelnd dabei unsere Räder samt Taschen im Gepäckraum zu verstauen, bevor wir den Bus besteigen und uns tropfend einen geeigneten Platz suchen. Die 16 Kilometer vom Anleger bis hierher haben für genügend Feuchtigkeit gesorgt – von Außen wie auch unter der Regenkleidung. 

Der Bus fährt ab. Schnell haben wir die kleine Stadt hinter uns gelassen und verfolgen durch die regennassen Scheiben, wie die Landschaft in gewohnter Gleichförmigkeit an uns vorbei zieht. Nicht nur wegen des Regens bin ich froh, dass wir im Bus sitzen. Ich habe das Gefühl, dass sich auf den rund 120 Kilometern bis nach Sakiai vieles was wir schon kennen wiederholt. Kleine Ortschaften mit Holzhäusern und viel, viel Landschaft. Wald, Niederungen und offene Fläche wechseln sich ab. Schön, aber unspektakulär. Den Fluß Nemunas, der die Grenze zur russischen Exklave bildet, haben wir überquert und folgen dem Grenzverlauf weiter in Richtung Süden. Am Abend erreichen wir Sakiai. Der Regen hat aufgehört, der Himmel ist aufgeklart und direkt hinter dem Busbahnhof finden wir ein kürzlich eröffnetes Hotel. Unsere Räder werden in eine nahe Garage gebracht und wir lassen einen Tag ausklingen, bei dem trotz aller Widrigkeiten irgendwie alles wie genau abgepasst funktioniert hat: die Fahrt über das Haff, das Auffinden des Fahrradladens und nicht zuletzt das rechtzeitige Erreichen des Busses. 

Hier geht’s zu Teil 4

Auf dem zweiten Abschnitt unserer Reise dominiert die Grenze zur russischen Exklave Kaliningrad